bis zum 18. August 2018

Welcher Teil von welcher Jugendbewegung möchtest du im Moment gerade sein?

ein Review zum 16. Rock im Park Leuben von Uli Kretzschmar

 

Und wieder schaukelt sie: die ewige Lichterkette über dem Hang im Park Leuben. Jedes Jahr im August findet dort das „Rock im Park Leuben“ statt und zu bester Nachtstunde schaukelt die Lichterkette dort dann im Takt der Musik. Das ist schon seit sechzehn Jahren so, und es scheint, als würde sie das ewig so weiter tun, oder?

Es ist ein seltsames Gefühl, dieses Festival zu erleben, zu beobachten, zu spüren. In diesem Jahr lockte es wieder  500 Besucher an. Die Bands, die hier spielen, kommen oft von weit her: aus Leipzig, Berlin, manche von noch weiter. „Die Fahrt hierher war sehr schön. Und die Location ist auch cool.“ stellen sie dann bei ihrer Ankunft fest. Doch da schwingen Fragen mit. Wo sind wir hier? Was tun wir hier? Warum tun wir das hier? Ein Festival mitten in der Lommatzscher Pflege? Ja. Es ist eine Herausforderung. Es macht enorm viel Spaß. Und es macht vieles sichtbar, womit Jugendkultur und womit Musik heutzutage zu kämpfen hat.

Da ist zunächst erst einmal die Tatsache, dass hier in der ländlichen Region dem Markt für Livemusik so langsam die Nachfrage wegbricht. Junge Menschen im Alter um etwa achtzehn Jahre herum - wir sprechen vom Geburtsjahr 1996 – gibt es hier nicht so zahlreich, wie etwa noch vor zehn Jahren.

Da ist die zweite Tatsache, dass der Markt für Livemusik hart umkämpft ist. Oft starten die Konkurrenzveranstaltungen in der ‚Halbillegalität‘, mit dem Charme einer Guerilla-Veranstaltung, aber eben auch mit den im Wettbewerb unfairen Kostenvorteilen, die so eine Strategie mit sich bringt. Konkurrenz bieten aber noch viel stärkere Gegner: Computer, Internet, DVD und Blueray, Computerspiele, Handy – kurz: all die Unterhaltungsangebote, die leichter, kostengünstiger und müheloser verfügbar sind und sicherlich oft auch schnellere Befriedigung des Unterhaltungsbedürfnisses herbeiführen.

Und da ist das Phänomen, das der Musikgeschmack des Publikums unüberschaubar fraktalisiert ist. Die Kultur von permanent verfügbarer, downloadbarer Musik, komprimiert in langen Playlists, die oft mehrere hundert Songs aus unterschiedlichen Stilrichtungen enthalten, hat die festen musikalischen Szenen, die es vor dreißig oder zwanzig Jahren noch gab, aufgebrochen und vermischt. Das kann man ganz wertungsfrei festhalten, denn unbedingt schlecht muss dies nicht sein. Aber: dies macht es schwierig, für „ein“ Publikum Musik anzubieten.

Galt eine Musikrichtung, ein Musikstil früher als identitätsstiftend, als Ausdruck einer Gemütsverfassung oder gar eines Lebensstiles, ist es heute eher die geschickte Mischung, die vielen zersplitterten Grüppchen ein Angebot für den Moment machen muss und die in diesem Moment überzeugen muss. Wie auf einem MP3-Player switchen die Macher des Festivals zwischen den Stilen und Bands hin und her. Dementsprechend bunt ist das Publikum.

Blicken wir auf die fünf Bands, die 2014 den Abend bestritten, fällt auf, dass die Qualität des Festivals, wie auch schon in den vergangenen Jahren sehr hoch ist. Die Eröffnung bestritten „Shagedelics“, eine Band, die aus dem Umkreis eines der veranstaltenden Vereine, des Mittelsächsischen Jugendvereins e.V. kommt. Sie spielte sehr selbstbewusst Funk-Rock, wo hat man so etwas sonst noch heutzutage? Dann spielten zwei Bands, die sehr solide zwischen Noise-Rock, Pop und Punkrock surften: „Minitimer Katzenposter“ und „The last dangerous Racoons“ aus Dresden. Gewohnt zwischen Noise-Rock, Gothic und Folk-Punk segelten „Grüßaugust“, ein würdiges Nachfolgeprojekt ehemaliger Inchtabokatables-Mitglieder – atemberaubend. Den Abschluss bestritten „Mutabor“, die die Tanzwut des Publikums mit einer brandheißen Mischung aus Ska, Pop, Folk und unzähligen anderen Einflüssen kräftig anheizten – fantastisch!

In den vergangenen Jahren experimentierten die Festivalmacher aber auch schon mit vielen anderen Stilrichtungen, unter anderem mit Elektro-lastigen oder auch Hardcore- und sogar Metal-affinen Bands. Kurz: die Zeiten, in denen wir Teil einer Jugendbewegung sein wollten, sind für das Rock im Park Leuben endgültig vorbei. Es geht darum, zu entscheiden, welcher Teil von welcher Jugendbewegung wir in diesem Sommer, in diesem Moment sein wollen. Und wie auch immer entschieden wird, bei diesem Festival wird man in jedem Falle gut unterhalten, auf hohem Niveau. Dazu schaukelt sogar die Lichterkette, wo hat man so etwas sonst noch?