bis zum 18. August 2018

Windräder schreiten übers nächtliche Land – der Exzess klingt aus

Tief in der Nacht, im Ohr flimmert es noch, das Konzert war grandios aber nun klingt der Exzess aus, spürt die Seele den erlebten Gefühlen nach und die Trommelfelle hängen hilfesuchend bis ins Mittelohr durch. Mit glasigen Augen fährt man sinnierend durch die Dunkelheit und der Lichtkegel vom Autoscheinwerfer ist der Horizont der realen Welt. Nächtliche Heimfahrten von guten Konzerten sind immer magische Momente. Jetzt bloß nichts Lautes hören. Um irgendwie am Leben zu bleiben kauft man sich an einer beliebigen Tankstelle einen Kaffee aber sonst ist der Ofen einfach aus. Wie Bill Murray und Scarlett Johannsen in „Lost in Translation" hängt man im Autositz und realisiert total fertig aber triumphierend: die eigenen Grenzen sind erreicht – endlich mal wieder. Was für seltene, köstliche Momente.

Solche Momente sind auf der Heimfahrt vom „Rock im Park Leuben" – Festival garantiert, denn um heimzukommen muss man durch die Lommatzscher Pflege. Das ist ein riesiger Flecken Erde mit nichts außer Gegend. Zwei Häuser sind hier schon ein Dorf, getrennt von kilometerlangen Grünflächen und Feldern, Tälern und Hügeln, die geballte rurale Einöde. Fährt man dort nachts bei Mondschein durch, dann bekommt das gerade erlebte Konzert eine andere Bedeutung, wird intensiver. Das fahle Mondlicht liegt blau über den Feldern. Riesige Windräder schreiten wie gigantische Gottesanbeterinnen in Herden übers nächtliche Land und man könnte schwören – die leben! Im Autoradio zappelt noch immer eine der Bands, die eben noch auf der Bühne wüteten. In diesem Jahr waren das beim Rock im Park Leuben zum Beispiel „Urlaub in Polen", ein unbeschreiblich vielseitiges Duo aus Köln, das Rock mit Techno, Electro, Pop und wer weiß mit was sonst noch zu kreuzen vermag und einen nie gehörten Soundtrack für die nächtliche Heimfahrt produziert.

Das 13. Rock im Park Leuben war gemessen an der Qualität der Bands, die die kleine Bühne im Park von Leuben betraten das bisher hochwertigste und vielseitigste in der Geschichte dieses Festivals. Funk, Rock, Pop, Deutschrock, Emo, Polka-Punk, Hardcore, Metal und eben der futuristische Satansbraten von „Urlaub in Polen" waren im Programm dabei. Und wie durch ein Wunder fanden alle Bands ihr Publikum. Getanzt wurde spätestens beim Auftritt von „Kapelle Herrenweide", eine Band die es geschafft hat, einen Song über Antonio Gramsci zu schreiben und ihn auch unglaublich sexy auf die Bühne zu bringen, Polka-Polka-Tschingterassassa.

Schon der Opener des Festivals, „Coffeeshop" war richtig gut. Das ist eine Band, die im Dunstkreis des Mittelsächsischen Jugendvereins e.V. gegründet wurde und bemerkenswert gewachsen ist. Die Band löst sich gerade aus ihrem Dasein als Coverband und entdeckt mehr und mehr die eigenen Qualitäten. Sie findet sich und schreibt eigenes Zeug, das im Set am besten wirkt und am dynamischsten rüberkommt. Schon hier ist das Publikum gut drauf und zu den mitgebrachten Fans kommen an diesem Abend mindestens noch ein Dutzend neue Fans hinzu.

Das Publikum war farbig, bunt und seltsam gemischt. Scheinbar muss man sich an solch einen Anblick auf heutigen Indiefestivals gewöhnen. Es gibt kaum noch die festen, statischen Musik-Szenen, wie noch in den frühen neunziger Jahren, die man gezielt mit bestimmten Bands ansprechen und mobilisieren konnte. Vielleicht sind die Gothik und Darkwave-Fans noch am ehesten als solche Szenen zu beschreiben, aber darüber hinaus atomisiert der Musikgeschmack. Jeder sucht sich seinen eigenen musikalischen Kosmos aus den vielen Musikstilen zusammen und definiert damit, wer er ist. Du bist, was du hörst. Zum Glück sind die Menschen verschieden, daher ist es auch für viele Bands möglich, ihre Anhänger zu finden. Nicht erst seit Internet und Downloadkultur gibt es Musik aus allen Ecken zu entdecken, man kommt nur schneller an sie ran. Auf dem Rock im Park Leuben tanzten alle Typen zu jeder Musik. Punks zappelten sowohl zur Trashpolka von der „Kapelle Herrenweide" als auch zu den futuristischen Beats von Urlaub in Polen. Die schicken Popmädels tanzten bei den sauberen Poprhythmen von „Werner Krauss" und zuckten auch bei den härteren Klängen der „Flaming Rocks" mit. Fans von Newcomer „Coffeeshop" applaudierten ihren Helden und auch den gestandenen Bands wie „Eiszeitklub". Damen und Herren älteren Semesters mischten sich unters junge Partyvolk und hatten genauso viel Spaß wie alle anderen auf dem schrägen Hang von Leuben. Und über allen hüpfte wie jedes Jahr frohen Mutes die bunte Lichterkette. Kurz: wenn es um den Musikgeschmack geht, herrscht Toleranz unter dem Festivalvolk. Offenheit ist eine Chance, denn auf den musikalischen Kick, auf den der Typ nebenan schon seit Jahren steht, ist man selbst vielleicht noch nicht gekommen.

Rock im Park Leuben 2011 lieferte ein zeitgemäßes Programm und bot wieder allerlei Neues zum Entdecken. Geheimtipps rockten von sechs bis zwei und brachten die Menschen zum Tanzen. Auf ein Neues dann im nächsten Jahr, 2012 mit Rock im Park Leuben auf der Parkbühne von Leuben, mitten im grünen Niemandsland der Lommatzscher Pflege.